Tragischer Karneval Rotkäppchen und der böse Wolf?

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Der Wind pfiff durch die kahlen Äste der Bäume, während Rotkäppchen torkelnd den matschigen Weg entlangstapfte. Der Schnee, der den Boden bedeckte, war längst zu einem rutschigen, braunen Brei geworden, der jeden ihrer unsicheren Schritte begleitete. Die eisige Kälte biss in ihre roten Wangen, doch sie schien das nicht zu stören – oder sie bemerkte es nicht. Der Alkohol, den sie in rauen Mengen erst beim Umzug und anschließend bei der Feier des Vereins genossen hatte, hielt sie warm, zumindest fühlte es sich so an. Ihre Jacke hatte sie um die Hüften gebunden.

„Verdammtes Wetter“, murmelte sie und hielt sich an einem dünnen Ast fest, der unter ihrem Griff knackte. „Verdammte Leute.“ Ihr Atem stand in weißen Schwaden vor ihr in der Luft, als sie die dunklen Silhouetten der Häuser hinter sich ließ. Das Dorf schlief, aber Sabine war noch wach.

Sie lachte plötzlich, ein lautes, raues Lachen, das über die leeren Felder hallte. Es war ein Lachen, das niemand hören konnte. Die letzten Worte ihrer Freundin hatten in ihrem Kopf ein Echo hinterlassen. „Verräterin. Schlampe.“ Ein weiteres Lachen, diesmal kürzer. Es war kein gutes Lachen. Aber der Verein, dachte sie, hatten nunmal sie gewählt. Und nicht Anne. Anne war lange genug Karnevalsprinzessin. Und nun war sie endlich dran: Sabine die Zweite.

Die Laterne am Wegrand flackerte schwach, als Sabine daran vorbeiging. Ihr Licht reichte gerade aus, um den Übergang von den Feldern in den angrenzenden Wald zu erahnen. Der Weg durch das kleine Wäldchen war genau der Weg, um ihre Gedanken zu ordnen. Kein Mensch würde ihr hier begegnen, keiner würde ihr auf die Nerven gehen.

„Schwätzer! Anne, Ulrike! Und Ulf – fick dich!“ rief sie in die Nacht und zeigte mit einem ungeschickten Schwung in Richtung Dorf. „Undankbares Pack!“ Ihre Stimme hallte zwischen den Bäumen wider, bevor sie in der dunklen Stille des Waldes erlosch.

Ein Ast knackte hinter ihr. Sabine hielt inne und drehte sich um. Nichts. Nur die Dunkelheit und das gelegentliche Rascheln des Windes in den Baumkronen. Ihr Herz klopfte schneller, aber sie schüttelte den Kopf, als wolle sie den Gedanken abschütteln, dass sie nicht allein war. „Hör auf, Gespenster zu sehen“, murmelte sie und setzte ihren Weg fort.

Doch da war es wieder. Ein leises, kaum hörbares Geräusch. Schritte? Oder nur das Knacken kleiner Äste am Boden unter ihren eigenen Füßen? Sabine blieb stehen, schwankte leicht und lauschte in die Stille. Ihre Finger griffen nach dem Pfefferspray, das sie immer in ihrer Jackentasche trug – sie hatte es noch nie gebraucht, aber es gab ihr ein Gefühl von Sicherheit.

„Wer ist da?“ Ihre Stimme war laut, aber sie zitterte leicht. „Zeig dich!“

Die Antwort war Stille.

Dann, ein Schatten. Oder bildete sie sich das nur ein? Sabine trat einen Schritt zurück, ihr Atem wurde schwerer. „Anne? Ich warne dich!“ rief sie, diesmal mit mehr Nachdruck. Doch ihre Worte schienen in der Dunkelheit zu verhallen.

Ein weiteres Geräusch, näher diesmal. Es klang wie das Knirschen von Stiefeln. Sabine hob das Pfefferspray vor sich, ihre Hände zitterten. Der Alkohol, der sie noch vor wenigen Minuten warm gehalten hatte, schien sie jetzt zu verlassen. Kalter Schweiß rann ihr über die Stirn.

„Ich hab gesagt, ich warne dich!“ schrie sie, aber ihre Stimme brach.

Und dann – nichts. Kein Wind, keine Schritte, keine Schatten. Nur die Dunkelheit und das leise Klopfen ihres eigenen Herzschlags. Sabine lachte erneut, doch diesmal war es ein nervöses, hohles Lachen. „Du wirst verrückt, Biene“, murmelte sie zu sich selbst, steckte das Spray zurück in die Tasche und setzte ihren Weg fort.

War der Nebel schon die ganze Zeit da? Er kroch zwischen den Bäumen hervor, legte sich auf den Boden und hüllte Sabine ein. Die Dunkelheit war nun noch undurchdringlicher, der Weg kaum noch zu erkennen. Sabine torkelte weiter, ihre Schritte wurden langsamer, unsicherer.

Dann hielt sie inne. Vor ihr, im dichten Nebel, war etwas. Oder jemand. Ein Schatten, der nicht dorthin gehörte.

„Rotkäppchen so spät allein im Wald?“, sagte eine tiefe, ruhige Stimme. Es klang nicht wie eine Drohung, sondern lediglich wie eine Feststellung.

Sabine wollte etwas sagen, wollte protestieren, aber bevor sie ihren Mund öffnen konnte, war der Schatten verschwunden. Der Nebel verschluckte ihn, und Sabine blieb allein zurück. Ihr Atem ging flach, ihre Knie zitterten, und die Kartusche mit Pfefferspray in ihrer Tasche fühlte sich plötzlich nutzlos an.

Schließlich setzte sie sich in Bewegung, doch diesmal war es kein Torkeln mehr. Diesmal war es ein verzweifeltes Rennen, ein Fluchtversuch vor etwas, das sie nicht benennen konnte. Buntes Konfetti löste sich aus ihrer Kleidung und schwebte zu Boden. Der Nebel schien alles verschlucken zu wollen, die Dunkelheit drückte schwer auf sie herab.

Dann ein gedämpfter Schlag. Das letzte, was sie spürte, war die sich ausbreitende Wärme an ihrem Hinterkopf und der kalte Waldboden in ihrem Gesicht.